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Besuch bei der
Crime Scene Unit of New York
(CSU N.Y.)
1995

Dass die CSU ( Crime Scene Unit ) in New York etwas
besonderes ist sieht man schon am Schild auf der Tür worauf steht:
"Leute sterben um uns zu sehen". Man tritt ein und steht vor einem
kleinen Aquarium, von wo die Fische dem manchmal hektischen, manchmal
ruhigen Geschehen zuschauen. Zu meinem Erstaunen hat das Computerzeitalter
noch nicht Einzug gehalten. Ein paar Detektivs sitzen vor alten
elektrischen Schreibmaschinen und tippen einen Bericht. Andere sortieren
Photos oder besprechen einen Fall. Diese Bilder erinnern mich sofort
an einen typisch amerikanischen Krimi. Ich werde freundlich empfangen
und als erstes mit der Kaffeemaschine vertraut gemacht. Natürlich
fragen mich die andern Kaffeetrinker über meine Herkunft, die Länge
meines Aufenthaltes sowie meine Arbeit in der Schweiz. Wobei wie
üblich die für Amerikaner typische Verwechslung von Schweden mit
der Schweiz aus dem Weg zu räumen ist.
Die CSU befindet sich im Stadtteil Bronx nahe des
Zoo`s in einem modernen Bau, der sich mit seiner Architektur auch
in Midtown in Manhatten sehen lassen könnte. Im Gebäude sind viele
Verwaltungen untergebracht und der Teil, der die CSU benutzt, ist
verschwindend klein.
Die CSU ist bescheiden eingerichtet. Gleich beim Eingang
steht man vor einer Triage, an der immer ein Detektiv sitzt, der
das Telefon und den Polizeifunk überwacht. Im grossen Raum befinden
sich mehrere Schreibtische mit je einer Schreibmaschine und manchmal
auch noch einem Tischventilator darauf. In einer Ecke steht ein
Zeichentisch mit Durchlicht, in einer andern der "Phototisch", wo
gewonnene Fingerabdrücke mit einer Polaroidkamera (Schwarzweiss)
aufgenommen werden. Auf einem anderen Tisch steht ein TV, bei dem
der Simpson trial-Sender eingestellt ist. Weiter ist ein separater
Raum mit einer Kapelle für das Pudern (Fingerabdrücke) vorhanden.
Hinzu kommen je ein Büro für den Sergeant und den Lieutenant, beide
ein bisschen komfortabler eingerichtet, sowie ein multifunktionelles
Büro mit einem heute schon veralteten Computer zum Etiketten drucken
sowie ein paar Archivschränken und weiteren Schreibmaschinen. Zum
Training oder zum Abreagieren stehen im Umkleideraum ein paar Fitnessgeräte,
um sich die im Polizistenleben wichtigen stählernen Muskeln zu erschwitzen.
Zur Erholung hat es eine grosse Küche, wo jeweils alle gemeinsam
das aus einem Fast-food-Laden bestellte Abendessen, in einem ungesunden
Tempo einnehmen. Gleich nebenan befindet sich der Ruheraum mit einem
Grossbildfernseher und fünf gemütlichen Sofas.
Das Einzugsgebiet der CSU umfasst die ganze Stadt
(Manhatten, Bronx, Queens und Brooklin) mit ca. 9 Millionen Einwohner
. Am Tag sollen’s durch die Pendler sogar gegen 12 Millionen sein.
Das Department arbeitet 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, und
365 / 366 Tage im Jahr.
Die CSU ist eingeteilt in drei Gruppen bestehend aus
je einem Sergeant mit acht Teams zu je zwei Detektivs. Leiter der
CSU ist der Lieutenant, den ich nie sah, da er in den Ferien weilte.
Der Arbeitstag ist eingeteilt in eine Tagesschicht
von 7.00 bis 15.00 und in eine Doppelschicht , die von 15.00 nachmittags
bis 7.00 morgens dauert. Jede Gruppe wird an zwei aufeinander folgenden
Tagen für die Tagesschicht eingesetzt und am dritten Tag für die
Doppelschicht. Nach der Doppelschicht haben sie 48 Stunden frei
bis zum nächsten Einsatz um 7.00 Morgens.
ch war jeweils von 10.00 bis 23.00 dabei. Zu gerne
hätte ich der Doppelschicht beigewohnt. Doch leider sind zu meinem
Unglück aus Sicherheitsgründen Besucher nach 23.00 nicht gestattet.
Normalerweise werden ca. 2500 Tötungsdelikte im Jahr
bearbeitet. Dieses Jahr sind es aber bis im August schon 400 Tötungsdelikte
weniger als sonst. Die Kriminalität sei am zurückgehen tönt es einstimmig
von der Polizei und den Medien. Niemand weiss den genaueren Grund
dafür. Manche sagen, die Polizei arbeite besser, andere meinen,
es sei wohl das Wetter. In der Tat war es während meinem Besuch
sehr ruhig. Ich konnte in diesen vier Tagen nur dreimal ausrücken.
Gut für New York, schlecht für mich.
Samstag:
Tatort Harlem. Ein fünfjähriger Knabe spielte mit
einem kleinen Revolver Kal. 22, den er geladen auf dem Tisch im
Schlafzimmer der Eltern gefunden hatte. Unglücklicherweise schoss
er seiner 13 Monate alten Schwester in den Kopf. Sie überlebte und
wurde sofort in ein Spital gebracht
Ich fuhr mit einem Team mit. Es war eine Vierzimmerwohnung
mit drei Familien. Eine Familie, ein Zimmer. Von jedem Zimmer werden
Photos aufgenommen und die Wohnung grob skizziert. Auf der Waffe
wird vergebens versucht Fingerabdrücke zu finden.
Drei Tage später las ich in der Zeitung, dass das
Mädchen erfolgreich operiert wurde.
Sonntag:
Ein ruhiger Tag. Mir wurden die Photos, etwa 200 an
der Zahl, vom damaligen Sprengstoffanschlag auf das World Trade
Center gezeigt. Auch Photoserien von anderen interessanten Fällen
wie zum Beispiel: Der Ehemann ruft seiner Frau an und spricht auf
den Telefonbeantworter, er komme nach Hause und werde sie umbringen.
Er machte seine Drohung war und erschlug sie im Keller mit einer
Eisenstange. Anhand der aufgenommenen Photos von den Blutspritzern
kann man nun den ungefähren Standort des Opfers und die ungefähre
Anzahl Schläge erkennen.
Abends um acht gings endlich los. Der Tatort war in
Brooklin in einer Obdachlosenstätte. Eine Riesenhalle, die mit brusthohen
Mauern in "Zimmer" zu 10 Betten unterteilt war. Ursprünglich wurde
diese militärisch genutzt. Zwei Männer hatten Streit, wobei der
eine eine Klinge von einem Japanmesser zu Hilfe nahm. Nach einem
Kampf verletzten sich beide, worauf sie ins Spital zur Behandlung
gebracht wurden. Wiederum fertigten die Detektivs eine Skizze an
und schossen viele Photos.
Montag:
Auch Heute war in New York ein sehr friedlicher Tag.
Doch sobald sich die Dunkelheit über die Stadt legt steigt die Kriminalität.
So klingelt um acht das Telefon und ein Team wird zu einem Mord
in Brooklin, in einem afroamerikanischen Viertel gerufen. Man findet
die Leiche in Bauchlage im Innenhof liegend. Die routinemässige
Skizze und Photos sind schnell gemacht. Danach geht’s auf Hülsensuche.
Wir fanden drei Hülsen. Der MLI (Medical legal investigator) stellte
aber sieben Einschüsse in den Rücken fest. Daraus schliesst der
Detektiv, dass zwei Waffen im Spiel, sein müssen, eine Pistole und
ein Revolver, und wahrscheinlich auch zwei Täter. Tatsächlich hatten
Zeugen ausgesagt, dass der Bruder des Opfers eine lautstarke Auseinandersetzung
hatte und kurz darauf hörte man Schüsse (je nach Zeuge zwei bis
sechs). Andere sagen aus, sie haben nach den Schüssen den Bruder
und eine zweite Person eilig mit einem Auto wegfahren sehen. Am
Ort waren je zwei uniformierte und zwei zivile Polizisten anwesend
sowie zwei Detektivs der CSU und ein Besucher aus der Schweiz.
Auf dem Rückweg tanken wir bei einer Highwaypatrolstation.
Ein motorradbegeisterter Sergeant der Station zeigte mir die Polizeimotorräder
der Marke Harley Davidson mit all ihren Details. Sein Gesicht strahlte
als ich ihm erzählte, dass auch bei uns die Harley`s sehr beliebt
sind.
Dienstag:
Nicht ein einziges Verbrechen. (Oder Superman war
schneller.)
Mittwoch:
Hal Sherman, der Detektiv, der mich in dieser Woche
betreut hat, nahm mich mit zu einem Vortrag über die Sicherstellung
und das Verhalten am Tatort, den er für das Personal eines Gefängnisses
hielt. So erzählte er von seinemGrundsatz "S C R I P T" was SEARCH,
COLLEKT, RECORD, IDENT, PACKING und TRANSFER TO LAB, heisst. Teil
des Vortrags war auch ein Video einer Überwachungskamera in einem
24-Stunden Lebensmittelladen, der den Mord und das anschliessende
Fehlverhalten der Polizei deutlich zeigte.
Hal hat ein paar Tage beim medical examiner für mich
organisiert. So bekam ich am Nachmittag eine Führung durchs ganze
Haus. Das Gebäude an der 520 First Avenue in Manhatten wirkt nicht
gerade gemütlich, hat aber ein grosszügiges Raumangebot.
Donnerstag:
Den heutigen Tag und Freitag werde ich mit den MLI`s
verbringen. MLI`s, was Medical Legal Investigator heisst, haben
den Beruf Physical assistant erlernt. Ich weiss nicht, womit dies
hier zu vergleichen ist, aber es ist etwas zwischen Krankenpfleger
und Mediziner. Diese Berufsgattung gibt es seit ca. 12 Jahren. Anfangs
litt dieser Beruf unter Anerkennungsprobleme, weil Aussenstehende
und Patienten deren Aufgabe nicht erkannten (weder Arzt noch Krankenpfleger).
Diese Unsicherheit habe sich jetzt aber gelegt.
Die Tätigkeit der MLI`s ist grob gesagt zu entscheiden,
ob eine Leiche in die Gerichtsmedizin gebracht werden muss oder
für die Bestattung freigegeben werden kann. In der ganzen Stadt
New York sind ca. 20 MLI`s, davon vier in Manhatten, tätig. Dies
ist aber, da sie auch nachts arbeiten, zu wenig. So haben sie sehr
viele Überstunden, bis zu 30 pro Woche. Geklagt darüber wird eigentlich
wenig. Zum einen lieben sie ihre Arbeit, und zum andern wird ihnen
die Überzeit 1.5 mal ausbezahlt, was das ganze zu einem sehr gut
bezahlten Job macht.
Für weitere Informationen über das OFFICE OF CHIEF
MEDICAL EXAMINER habe ich drei kleine Informationshefte, die bei
mir ausgeliehen werden können.
Heute darf ich zur Begutachtung von zwei Leichen mitgehen.
Die eine war ein Obdachloser, der vor einem Haus gefunden wurde.
Die Leiche wird grob betrachtet, und nach Aufnahme eines Polaroidphotos
zur Bestattung freigegeben.
Der zweite Fall war ein 66 Jahre alter Mann, der bei
seiner Familie verstorben ist. Es wurden alte Einstichstellen am
Unterarm, ein deformierter Unterschenkel, auch älteren Datums, und
ein Schaumpilz vor dem Mund festgestellt. Herzprobleme waren bekannt.
Die Leiche wird zur Bestattung freigegeben. Zurück im Büro angekommen,
werden Berichte geschrieben.
Freitag:
Heute werden wir zu sechs Fällen gerufen.
Ein interessanter Fall war in einer Wohnung einer
Alkoholikerin, die in einer Ecke der Küche am Boden auf der rechten
Seite liegend, gefunden wurde. Die Wohnung war sehr ordentlich und
sauber. In der Küche fanden wir in einem Papiersack versteckt, eine
halbleere Wiskyflasche. Beim Hervorziehen der Leiche bemerkten wir,
dass der Hals zwischen dem umgefallenen Abfallkübel und der Wand
eingeklemmt war. Der MLI vermutete darauf, dass die Frau das Bewusstsein
verlor und beim Hinfallen den Abfalleimer in diese ungünstige Lage
brachte, der möglicherweise die Halsgefässe Komprimiert hat.

Ph. Feer
9/1995
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